Streit unter Wirtschaftsprüfern spaltet Berufsstand

In kaum einer Branche gibt es deutlichere Klassenunterschiede als bei den Wirtschaftsprüfern. Es gibt die Big Four, 10 bis 15 mittelständische Verfolger, die Teil internationaler Netzwerke sind, mittelgroße, national aufgestellte Häuser sowie Klein- und Kleinstpraxen, schreibt die FAZ. Der Streit um die Einheit der Berufsaufsicht und die Verabschiedung der neuen EU-Richtline zur Regulierung der Abschlussprüfung zeige, dass die Interessen dieser höchst unterschiedlichen Branchenvertreter sich kaum noch miteinander vereinbaren ließen.

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Schon im Dezember 2013 hatte die FAZ den Zerfallsprozess in der deutschen Wirtschaftprüferszene thematisiert und die Frage aufgeworfen, ob das Ideal des freien Berufes noch zeitgemäß sei. Auch die gemeinsame Vertretung durch die eine Wirtschaftsprüferkammer stellte die Wirtschaftszeitung infrage. Unter der Headline „Nur noch ein Mythos“ konstatiert die FAZ: „Die Branche spaltet sich in zwei Teile, die einander immer fremder werden“. Auf der einen Seite stünden die großen Prüfungsgesellschaften, die aufgrund des stagnierenden Prüfungsmarktes durch Verdrängung in der eigenen Branche wüchsen, durch Zukäufe von Steuerberatern, Unternehmensberatern und Rechtsberatern und die ihre Größenvorteile ausspielten. Die FAZ zählte sechs Gründe auf, warum sich die Big Four zu dem entwickelt hätten, was sie heute sind: Ein Startvorteil durch ihre Herkunft als banken- oder staatsnahe Unternehmen, konsequente Globalisierungsstrategie, Kosten- und Preisvorteile, modernste IT, Prüfung und Beratung aus einer Hand sowie die personelle Stärke zur Prüfung, wenn Konzerne wie Siemens oder VW in der Schlussphase bis zu 700 Prüfer benötigten.

 

Demgegenüber stünden die Einzelkämpfer und Kleinstpraxen unter den Wirtschaftsprüfern, die ihre Nische im lokalen Umfeld suchten und auf Gebieten wie etwa der Prüfung internationaler Rechnungslegung kaum mithalten könnten. Zwischen diesen Lagern befänden sich die mittelgroßen Prüfungsgesellschaften.

 

Alle Versuche der EU, über neue Regulierungsvorschriften die Marktmacht der Big Four zu brechen, dürften als gescheitert angesehen werden, schreibt die FAZ. Selbst vom kommenden Rotationszwang, also der gesetzlichen Vorgabe, dass Unternehmen in regelmäßigen Abständen den Prüfer wechseln müssen, profitierten unterm Strich aller Wahrscheinlichkeit nach vor allem die Großen. Die Chance der kleinen Mitbewerber läge vor allem in der Nische – und nicht darin, mit den Großen mithalten zu wollen. Das FAZ-Fazit: „Ob das dann noch eine Branche ist, bleibt abzuwarten.“

 

Quelle: FAZ, 5. Januar 2014

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/wirtschaftspruefer-die-branche-ist-zerstritten-12738583.html