"Man muss entschlossen und belastbar sein"

2. Juni 2008 - Was müssen Paare mitbringen, die Kind und Karriere unter einen Hut bringen möchten? Dr. Helga Lukoschat, Geschäftsführerin der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) in Berlin, im Jobguide-Interview über "proaktive" Väter und zielstrebige Mütter. 

Sie haben rund 1.200 Doppelkarrierepaare gefragt, wie sie mit Kind und Karriere zurechtkommen. Wie lautet die Antwort?

Lukoschat: Gut. Alles in allem sind die Paare mit ihrem Lebensmodell zufrieden oder sogar sehr zufrieden. Kein Paar würde es anders machen wollen. Als Grund wird oft angegeben, dass so eine gleichberechtigte Partnerschaft auf Augenhöhe möglich ist und dass sich das Beste aus beiden Welten – der Berufs- und der Familienwelt – ziehen lässt. Aber die Paare berichteten auch von deutlichen Einschränkungen.

Welche waren das?
Das Hauptproblem war die Zeit. Fast alle wünschen sich mehr Zeit für die Kinder, für die Partnerschaft und auch mal für sich selbst. Die meisten Paare haben mindestens eine 40-Stunden-Woche im Job.

Einige Ihrer befragten Väter haben für die Familie beruflich zurückgesteckt, Arbeitszeit reduziert und Elternzeit genommen. Wie ist das beim Arbeitgeber angekommen?
Im Vorfeld sind viele dieser "aktiven" Väter auf noch stärkere Widerstände getroffen als die Frauen. Von Chefs und Kollegen schlug ihnen vielfach Unverständnis entgegen. Die Leistungsbereitschaft wurde angezweifelt. Später, in der Umsetzungsphase, ging es dann meist besser als erwartet.

Wie lange sind Ihre Doppelkarrierepaare für die Familie aus dem Beruf ausgestiegen?
Die Pausen fielen sehr kurz aus. Das Gros setzte nicht länger als sechs Monate aus. Die Hälfte aller Frauen gingen schon nach der achtwöchigen Mutterschutzzeit wieder an Bord. Die meisten Frauen stiegen mit reduzierter Vollzeit wieder in den Beruf ein, oft verbunden mit der Möglichkeit, flexibel zu Hause zu arbeiten.

Wie sind die Paare beim Arbeitgeber aufgetreten?
Sehr proakiv. Sie haben nicht gewartet, bis der Arbeitgeber mit Ideen kam, sondern haben ihren Vorgesetzten und auch ihrem Team Vorschläge gemacht und Lösungen entwickelt. Ein Modell sah zum Beispiel vor, dass sich der Mann aus seiner Führungsrolle zurückzog und zeitweilig eine reine Fachkräftefunktion ausübte. 

Welche Kinderbetreuungsvariante hat sich besonders bewährt?
Keine im Einzelnen. Die Paare setzen alle auf einen breiten Mix aus Krippe, Kita, Babysitter, Au Pair, Tagesmutter, Freunde und Familie. Die öffentliche Kinderbetreuung allein reicht bei solchen Jobs nicht. Und da die Paare beruflich sehr mobil sind, brauchen sie eine gute Betreuungsinfrastruktur vor Ort, denn Omi und Opi stehen oft nicht mehr zur Verfügung.

Aber das muss doch unglaublich viel Geld kosten.
In den vertiefenden Interviews haben wir das abgefragt: Für Kinderbetreuung, Einkaufshilfen und ähnlichem geben die Paare im Schnitt 1.500 bis 2.000 Euro pro Monat aus. Aber sie verfügen auch über ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Umgerechnet auf die wahrgenommenen Karrierechancen und das Einkommen über die gesamte Lebenszeit rechnet sich das wieder.

Haben die Paare das alles auf sich zukommen lassen oder haben sie sich eine richtige Kind & Karriere-Strategie zurechtgelegt?
Da steckte schon Planung dahinter. Die Paare sind alle mit großer Klarheit und einem langen Vorlauf an dieses Thema rangegangen. Schon relativ früh in der Partnerschaft - meist auf Betreiben der Frauen - haben sie für sich geklärt, wie sie das mit Kind und Karriere halten wollen. Die eigentliche Familiengründung folgte oft erst Jahre später.

Dann haben die Paare also erst Karriere gemacht.

Sie hatten alle schon einen gewissen Status erreicht, bevor die Kinder kamen. In der Regel mit Anfang 30. Das macht es im Job natürlich einfacher. Man ist wichtiger in seiner Position und das Gehaltsniveau ist höher.

Wie standen die Paare zum Begriff Karriere?
Alle sind aufstiegsorientiert, aber wollen Karriere nicht um jeden Preis. Man hatte auch schon Angebote ausgeschlagen, weil es mit der Familie nicht vereinbar war. Signifikant war, dass die Frauen nicht automatisch zurücksteckten. In jeder Lebens- und Karrierephase handelten die Paare neu aus, bei wem eine Pause gerade besser passte.

Wenn man ständig auf mehreren Hochzeiten tanzt, einem ständig die Zeit fehlt, man permanent organisieren muss - da muss es aber verdammt große Vorteile geben, um sich das anzutun.
Alle berichteten von einem bewussteren Umgang mit sich, mit ihren Lebenszielen. Die Partnerschaft wird als inniger erlebt, man fühlt sich stärker verbunden. Die finanzielle Unabhängigkeit wurde ebenfalls als sehr wichtig erlebt. Es hängt nicht alles an einem Verdienst. Das nimmt den Druck raus. Man erhält sich die Freiheit, auch mal den Job zu wechseln, ohne das gleich alles zusammenbricht. Und es gibt natürlich Synergien zwischen Job und Familie.

Haben Sie da Beispiele?
Wer im Job gut managt, bringt diese Fähigkeiten auch in der Familie ein und umgekehrt. Viele ziehen aus der Familie auch eine Kraft, die sie mit in den Beruf nehmen. Und ein Paar in unserer Befragung hat sogar die im Job üblichen Feedbacktechniken und Jahresendgespräche für die Familie und die Partnerschaft eingeführt – natürlich sehr spielerisch!

Was wünschen sich Doppelkarrierepaare?
Mehr Angebote für Väter. Mehr zeitliche und räumliche Flexibilität. Auch da, wo es in Unternehmen flexible Zeitkonzepte gibt, wird in der Praxis doch noch eine Anwesenheitskultur gepflegt. Eine stärkere Ergebnisorientierung wäre sehr hilfreich. Und natürlich mehr Betreuungsangebote, die sich an normalen Arbeitszeiten orientieren.

Was muss man mitbringen, damit hierzulande beide Karriere machen und gleichzeitig eine Familie gründen können?

Zunächst mal muss man entschlossen und belastbar sein.

Was würden Sie Berufseinsteigern zu diesem Thema raten?
Entwickeln Sie schon frühzeitig klare Vorstellungen, was Sie wollen und einigen Sie sich mit dem Partner auf eine Linie. Miteinander reden ist das A und O.

Die Fragen stellte Ulrike Heitze

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