Die Chemie-Industrie ist einigermaßen gut durch die Krise gekommen und jetzt wieder verhalten optimistisch. Neue Jobchancen ergeben sich langfristig durch die großen Herausforderungen der Zeit: Klimawandel, Nutzung regenerativer Energien sowie Nahrung und Gesundheit für eine wachsende Weltbevölkerung.
>>>Chancen
Die Chemie-Industrie ist mit 435.000 Beschäftigten und knapp 153 Milliarden Euro Umsatz die viertgrößte deutsche Industriebranche und gilt als Konjunkturindikator: Weil ihre Produkte relativ früh im Produktionskreislauf eingesetzt werden, bekommt sie es als eine der ersten Branchen mit, wenn eine Krise naht, erholt sich aber auch als eine der ersten wieder.
Und so war es auch diesmal: Bereits im Herbst 2008 rutschte die Chemie in die größte Talfahrt seit über 30 Jahren. Für 2010 nun sind die großen Unternehmen der Branche - von BASF, Bayer und Lanxess bis zu den US-Größen Dupont und Dow Chemical - wieder verhalten optimistisch und erwarten eine Erholung "in kleinen Schritten", wie Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI sagt. Um fünf Prozent werde die Produktion in Deutschland zulegen. Das ist vor allem den Zuwachsraten in den Schwellenländern Asiens und Südamerikas zu danken, kann jedoch fehlendes Geschäft in Europa nicht kompensieren, wohin rund 80 Prozent der deutschen Chemikalien verkauft werden.
Trotzdem sind die Jobchancen in der Chemie vergleichsweise gut: Zum einen hat die Branche schon in der Krise nur halb so viele Stellen abgebaut wie die gesamte deutsche Industrie, weil sie flexible Tarifverträge nutzte und mit Kurzarbeit Produktionsrückgänge auszugleichen vermochte.
Das war der Branche auch deshalb wichtig, weil sie qualifizierte Leute unbedingt halten muss. Denn in besonderem Maße ist sie abhängig von den MINT-Qualifikationen - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik -, von denen nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Jahr 2015 rund 254.000 Absolventen fehlen werden, bis 2020 könnte die Lücke sogar auf bis zu 426.000 anwachsen.
Gute Chancen haben daher vor allem Hochschulabsolventen, besonders aus dem MINT-Fächern: 400 Chemiker etwa haben die Unternehmen im Bundesarbeitgeberverband Chemie 2009 eingestellt und werden das 2010 auch wieder anpeilen. Günstig seien die Aussichten für Verfahrenstechniker, Chemieingenieure und Biotechnologen sowie für Naturwissenschaftler mit Spezial-Know-how in Toxikologie, Elektrochemie, makromolekularer Chemie und Materialwissenschaften, erklärte Dirk Meyer, stellvertretender Geschäftsführer des Verbands gegenüber dem FAZ-Hochschulanzeiger. Einstiegschancen gebe es etwa in Forschung und Entwicklung, in der Konzeption, Planung und im Betrieb von Produktionsanlagen sowie in Marketing und Vertrieb.
Ihre relative Stabilität in der Krise und die langfristig guten Aussichten verdankt die Branche der Tatsache, dass sie inhaltlich an den großen Herausforderungen der Menschheit arbeitet: An der Bewältigung des Klimawandels, der Nutzung regenerativer Energie und der Ernährung einer immer größer werdenden Weltbevölkerung. Wie eine Reihe anderer Chemiekonzerne hat zum Beispiel BASF seine Forschung an Megatrends orientiert und dabei fünf "Wachstumscluster" definiert: Energiemanagement, Pflanzenbiotechnologie, weiße Biotechnologie, Nanotechnologie und Rohstoffwandel. So investiert das Unternehmen zum Beispiel stark in die Entwicklung neuer Pflanzenschutzmittel und genmodifizierter Pflanzen sowie in Syntheseverfahren mit Hilfe von Biokatalysatoren und Fermentation. Ein neues Geschäftsfeld soll zudem die organische Photovoltaik werden, bei der organische Materialien zur Umwandlung von Sonnenlicht in elektrische Energie dienen.
Ein großes Thema ist auch, dass in drei bis vier Jahrzehnten die Erdölreserven zu Ende gehen und die Chemie eine neue Rohstoffbasis braucht. Die will sie sich erschließen durch die stoffliche Nutzung von Biomasse in Bioraffinerien. Diese sollen Ethylen, Propylen, Benzol, Toluol und Xylole produzieren - Basischemikalien, auf denen die gesamte organische Chemie aufbaut, und überdies noch Faserwerkstoffe, Futtermittel, Kraftstoffe und grünen Strom liefern. Derzeit treiben weltweit Forscher aus der Chemie und dem Anlagenbau das Thema und erste Pilotanlagen voran.
Bioraffinerien sind ein Feld, auf dem das Know-how der Chemie stark mit dem der Biotechnologie zusammenwächst. Die Folge ist, dass sich auch die Jobchancen in der industriellen, der sogenannten "weißen" Biotechnologie weiter verbessern. Konzerne wie Evonik und BASF setzen bereits länger auf biotechnologische Prozesse und werden es zunehmend tun.
Aber auch bei den reinen Biotech-Unternehmen entstehen in letzter Zeit eine Menge neue Stellen. Qiagen etwa, einer der Branchen-Stars, stellt ständig weiter ein und sucht hierzulande vor allem Biologen, Biochemiker und Chemiker. Dies allerdings sind Stellen in der sogenannten "roten" Biotechnologie, die nicht der Chemie-, sondern der Pharmaindustrie zuliefert. "Etwa 80 Prozent der Biotech-Stellen liegen in diesem Bereich", sagt Carsten Roller vom Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO).