Cloud Computing, Embedded Systems und die Digitalisierung der Verkehrssysteme, Energienetze, Behördennetze und des Gesundheits- und Bildungssystems treiben selbst in Krisenzeiten die IT- und Telekommunikationsbranche nach vorn. Die Arbeitgeber suchen händeringend Fachkräfte - bisweilen sogar schon im Ausland.
>>> Chancen
Binnen 24 Stunden hatte die Personalabteilung von Hansgrohe 3.500 Online-Bewerbungen im Posteingang. Von solchen Rücklauf-Erfolgen kann der Sanitärspezialist hierzulande nur träumen - zumal, wenn es um Positionen für IT-Spezialisten geht. So entschied sich das Familienunternehmen aus Schiltach im Schwarzwald zu einer Anzeigenschaltung in der "Times of India".
Solche weltweiten Aktivitäten in der Personalsuche beginnen bei deutschen Unternehmen gerade und dürften in den kommenden Jahren noch zunehmen. Ganz besonders IT-Positionen und Positionen bei Unternehmen der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche werden heute bisweilen schon international ausgeschrieben, weil der deutsche Markt nicht genügend hergibt.
Entsprechend entspannt können IT-Experten oder solche, die auf dem Weg dahin sind, ihre Jobsuche angehen. Ende 2011 waren bundesweit in den Unternehmen rund 38.000 Stellen für IT-Experten unbesetzt - 10.000 mehr als 2010, wie der Branchenverband Bitkom bei einer Arbeitsmarkt-Umfrage herausfand. Und das, obwohl die gesamte Branche - also Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien - derzeit mit 843.000 Mitarbeitern eine Rekordbeschäftigung vorweisen kann und hinter dem Maschinenbau längst der zweitgrößte Arbeitgeber in der deutschen Industrie geworden ist.
Allerdings ist die Entwicklung zweigeteilt. Während in der Telekommunikation seit 2007 rund 40.000 Arbeitsplätze wegfielen, wuchs die Zahl der IT-Stellen kontinuierlich auf 603.500 und glich den Jobverlust in der Schwesterbranche mehr als aus.
Der simple Grund für das Wachstum in den vergangenen zwei Jahren sind die Trends, die derzeit die IT- wie die Telekommunikationsbranche umkrempeln. Da ist zum einen das Cloud Computing als beherrschendes Thema der Branche. Nicht zu Unrecht hat es Peter Sondergaard, Senior Vice President Research beim amerikanischen Marktforschungsinstitut Gartner, schon mal als "Industrialisierung der IT" bezeichnet. Statt eigene Rechnerleistung und Software bereitzuhalten, können Unternehmen mit Cloud Computing alles über das Internet abrufen, von einem Dienstleister, der die Kapazitäten samt der Programme bereitstellt. 16 Milliarden Euro investierte die Wirtschaft bereits 2010 weltweit in Cloud Computing, 2015 sollen es 55 Milliarden Euro werden. Eine Studie, die SAP zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants erstellte, sieht im Cloud Computing eine Jobmaschine, die allein in Europa jedes Jahr für 70.000 neue Arbeitsplätze sorgen könne.
Generell profitiert die ITK-Branche davon, dass die Welt immer digitaler wird, kaum mehr ein Lebensbereich ist davon ausgenommen. So schätzen die Marktforscher von Gartner, dass Unternehmen im Laufe des Jahres 2012 weltweit 2.700 Milliarden US-Dollar allein für Business-IT ausgeben werden. Das entspräche einer Steigerung von fast vier Prozent gegenüber 2011. Ein wichtiger Treiber für Investitionen seien im laufenden Jahr die Media Tablets. Direkt danach kommen schon Mobile-Anwendungen und User-Interfaces.
Wie schnell sich der Wandel vollzieht, kann jeder anhand seines eigenen Handys feststellen. Die kleinen Telefone sind längst als Smartphone zur Allzweckwaffe geworden. Telefonie, Internet und Multimedia-Anwendungen verschmelzen in diesen Geräten zu einer Einheit, die wiederum in den digitalen Kontext anderer Geräte - wie Computer, Fernsehen oder Maschinen - eingebettet werden müssen.
Die immer stärkere Einbettung der digitalen Möglichkeiten in den Lebens- und Betriebsalltag - bekannt unter dem Begriff "Embedded Systems" -, führt dazu, dass Technik immer allgegenwärtiger wird, ohne bewusst als solche wahrgenommen zu werden.
Jeder nutzt technische Funktionen und erwartet, dass sie ihm allerorten und in vielfältigen Anwendungen zugänglich sind. Schon diese Erwartungshaltung wird dafür sorgen, dass IT- und Telekommunikationsexperten die Arbeit nicht ausgehen wird. App-Stores, kontextbasiertes Computing und Social Media werden daher nach Gartner 2012 zu den beherrschenden Themen zählen. Auch "neue Analytics", das Handhaben extrem großer Datenmengen, In-Memory-Computing und extrem stromsparende Server zählen für Gartner zu den zehn großen Strategiethemen.
Welche Aufgaben in Deutschland auf die ITK-Branche zukommen, hat der Branchenverband Bitkom konkretisiert. "In den kommenden Jahren müssen unsere wichtigsten Infrastrukturen durch IT intelligent gemacht werden: Verkehrssysteme, Energienetze, Behördennetze und das Gesundheits- und Bildungssystem", sagt Bitkom-Präsident Dieter Kempf. "Der Bedarf an Spezialisten, die diesen Wandel gestalten, ist enorm."
Wer sich hier auskennt, begegnet daher Personalchefs nicht als Bittsteller, sondern auf Augenhöhe. Das zahlt sich auch finanziell aus: Während ein Facharbeiter sich 2011 in Deutschland über einen durchschnittlichen Gehaltszuwachs von 2,7 Prozent freuen konnte, waren es im IT-Bereich gleich 4,7 Prozent. Rund 60.100 Euro brutto verdiente nach Bitkom-Angaben im Jahr 2010 eine IT-Vollzeitkraft im Schnitt. Auf eine Gehaltserhöhung von exakt 4,5 Prozent kommt die "Vergütungsstudie 2011/12 für Führungs- und Fachkräfte in der IT-Branche", die die Vergütungsberater von Kienbaum erstellten.
Die Studie weist aber auch darauf hin, wie entscheidend ein Hochschulabschluss für die IT-Karriere ist. Ein promovierter Geschäftsführer beispielsweise verdient im Schnitt gleich 50.000 Euro mehr pro Jahr als ein Geschäftsführer, der nur einen Haupt- oder Realschulabschluss vorweisen kann.
Beste Chancen haben derzeit Softwareentwickler, vor allem, wenn sie auf die Entwicklung von Apps spezialisiert sind. Aber: Generell müssen ITler heute Teamplayer sein, der "Nerd", der von Pizza lebt und allein mit seinem Computer glücklich ist, ist längst nur noch ein Klischee.
Das gilt umso mehr für die Marketing- und Vertriebsexperten, die jedes zweite Unternehmen in der ITK-Branche derzeit sucht, und auch für die IT-Berater, nach denen ein Drittel der Arbeitgeber Ausschau hält. "Der Trend geht zu technisch und organisatorisch sehr anspruchsvollen Tätigkeiten, die eine fundierte Ausbildung erfordern", sagt Bitkom-Präsident Kempf.
Wer noch im Studium steckt, muss nur seine Augen aufmachen. Schon heute kooperieren 43 Prozent der ITK-Unternehmen mit Universitäten, zwei Drittel unterstützen Studenten bei ihren Abschlussarbeiten und bieten Praktika oder Studentenjobs.
>>> Risiken
"Wir haben die einen, aber suchen die anderen" - kaum ein Satz bringt das Dilemma der ITK-Branche besser auf den Punkt. Nur so lässt sich erklären, dass Unternehmen wie die Telekom oder Yahoo auf der einen Seite Mitarbeiter gleich reihenweise entlassen und andererseits in gleichem Maße einstellen. Beispiel Telekom: Die Digitalisierung der Telefone macht Netzwerkbetreuer und Systemelektroniker überflüssig - und so baut der Konzern jedes Jahr Tausende solcher Stellen ab, während er gleichzeitig händeringend für die neuen, digitalen Netze Spezialisten sucht. Die Unternehmensberatung McKinsey warnt allerdings davor, dass bis 2020 weitere 100.000 Jobs verschwinden könnten, wenn Deutschland beim Ausbau seiner Glasfasernetze den Anschluss an die Weltspitze verlieren würde.
Jobrisiken drohen auch IT-Spezialisten in Unternehmen, die dort Netzwerke und Rechner betreuen. Ihre Aufgaben werden mit zunehmenden Cloud Computing überflüssig, weil nicht mehr sie, sondern die Cloud-Computing-Dienstleister die Wartung und Pflege der ausgelagerten IT übernehmen. Nicht zuletzt diese Angst vor einem Jobverlust ist immer noch ein Hemmschuh für das Cloud Computing.
Für ITler ist es daher wichtig, nicht den Anschluss zu verlieren und gerade für ihren Bereich das lebenslange Lernen zu verinnerlichen. "Bei ITlern im fortgeschrittenen Lebensalter ist die Arbeitslosenquote besonders hoch", weiß Matthias Schleuthner, Geschäftsführer der auf die IT-Branche spezialisierten Personalberatung HRM Consulting.
Kleines Trostpflaster: Mit zunehmendem Fachkräftemangel entdecken auch die Unternehmer, dass diese "Silver Ager" mit vergleichsweise wenig Aufwand fit gemacht werden können für neue Aufgaben. Der Branchenverband Bitkom arbeitet beispielsweise derzeit an einem Weiterbildungsprogramm für diese Zielgruppe, um den Wandel der Branche mitgestalten zu können.
Julia Leendertse