Im Zeitalter der "All Electric Society" wird Strom zum wichtigsten Energieträger. Solarbetriebene Kaffeemaschinen, Solarflugzeuge, E-Autos und intelligente Batterietechnologien versprechen Deutschland Wachstum und viele neue Jobs.
>>>Chancen
Eine Karriere in der Elektrotechnik? Eine gute Wahl, denn für die Chancen gibt es nur einen Ausdruck: Exzellent. Zusammen mit der Elektronik und der Medizintechnik profitiert die Elektrotechnik vom Trend zur elektrifizierten Gesellschaft, der "All Electric Society". Experten sprechen vom Eintritt ins "zweite Stromzeitalter". Das erste, beginnend in der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, hat die elektrische Energie in Haushalte, in das Transportwesen und die Industrie gebracht. Das zweite Stromzeitalter jetzt macht - nicht zuletzt dank regenerativer Energien - Strom zum allumfassenden Energieträger. Mit Anwendungen in den verschiedensten Bereichen - von der solarbetriebenen Kaffeemaschine, über das E-Auto bis zum Solarflugzeug.
50 Prozent der deutschen Industrieproduktion und mehr als 80 Prozent der Exporte hängen von der Elektro- und Informationstechnik ab. Allein das erklärt schon, warum die Arbeitslosenquote bei Elektroingenieuren selbst auf dem Höhepunkt der Krise bei gerade mal 2,4 Prozent lag. Zum Vergleich: In Boomzeiten gab es mit 1,9 Prozent eine Vollbeschäftigung - und auf dem Weg dahin ist sie wieder. Der Beweis: Nach Angaben des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE) gab es allein 2010 Nachfrage nach rund 12.000 neuen Elektroingenieuren. Doch von den Hochschulen kamen gerade mal 9.000. Ein Verhältnis, das in den kommenden Jahren noch weiter auseinanderdriften wird. Besonders begehrt sind Elektroingenieure in den Feldern Engineering/Projektierung und Forschung/Entwicklung.
Schließlich steht und fällt Deutschlands Weltmarktführerschaft nicht nur auf den elektrifizierten Leitmärkten Elektromobilität, Smart Grids, Mikroelektronik und Telemedizin mit seiner Innovationskraft. 15 Prozent der fast 900.000 Beschäftigten der Elektrotechnik arbeiten in Forschung und Entwicklung. Jede dritte Innovation im verarbeitenden Gewerbe erhält ihren originären Anstoß aus der Elektroindustrie, ein Fünftel aller Aufwendungen für Forschung und Entwicklung geht auf ihr Konto, hat das Bundeswirtschaftsministerium festgestellt.
Vergessen wird derzeit zumindest in der Öffentlichkeit, wie breit die Branche aufgestellt ist, weil das Thema "E-Mobilität" alles überstrahlt. In den Medien wird der scheinbare Boom an Elektrofahrzeugen bereits kräftig gefeiert. Tatsächlich aber sind sich Experten einig: Die technischen und zeitlichen Erwartungen, die zurzeit an die Unternehmen gestellt werden, sind unrealistisch. Deutschland wird insgesamt - Fördergelder und Industrieinvestitionen zusammengenommen - rund zwei Milliarden Euro in die Marktvorbereitung für die Elektromobilität stecken. Das erklärte Ziel: Leitmarkt für E-Mobility weltweit zu werden und weiterhin Technologieführer zu bleiben. Ob dies erreicht wird, hängt neben der Höhe der staatlichen Subventionen vor allem davon ab, ob die beteiligten Unternehmen sich im Streit um Standards - wie zum Beispiel die für Stecker - verzetteln oder pragmatisch an einem Strang ziehen.
Unumstrittener Technologieführer ist Deutschland aber schon lange in der Medizintechnik. Prothesen und Implantate, Telemedizin und eHealth gehören der VDE-Studie "MedTech 2020" zufolge zu den dynamischsten Wachstumsfeldern. 2009 brach der Umsatz zwar leicht auf 18,3 Milliarden Euro ein, für 2010 erwartet der Fachverband Medizintechnik aber wieder ein Plus von zehn Prozent - und eine Fortsetzung dieses Wachstums auch in 2011.
Führend ist Deutschland auch bei der organischen Elektronik. Im Schatten der "klassischen", also auf Silizium basierenden Halbleitertechnologie ist eine neue organische Mikroelektronik zur festen Größe avanciert, die auf Kunststoffen mit Polymeren und kleinen Molekülen basiert und deren Leiter- und Halbleitereffekte als Schalt- und Speicherelemente eingesetzt werden. Auf Papier oder Folien gedruckte RFID-Chips, organische Leuchtdioden (OLEDs), die sich flexibel jeder Oberfläche anpassen und Licht spenden können sowie superflache Batterien, Sensoren und Displays gehören zu den wichtigsten Innovationen dieser neuen Disziplin. Bis 2020 könnten sie - so schätzen Experten - für ein weltweites Marktpotenzial von 60 Milliarden US-Dollar Umsatz stehen. Tatsächlich erscheinen die Einsatzgebiete für leichte, flexible und vor allem billige "von der Rolle" zu produzierende Substrate und Schaltungen gigantisch. Vorreiterinnovationen sind etwa RFID-Tags auf Papier für die Forstwirtschaft oder Textilindustrie. "Es ist kein Geheimnis, dass Deutschland eine globale Führungsrolle bei der industriellen Entwicklung der gedruckten Elektronik hat", urteilt denn auch Harry Zervos vom britischen Marktforscher IDTechEx.
Auch im klassischen Halbleitermarkt geht es nach dem Knick in 2009 weiter nach oben. Ulrich Schaefer, Vorsitzender der Fachgruppe Halbleiter Bauelemente im ZVEI-Fachverband Electronic Components and Systems rechnete noch Anfang des Jahres für 2010 mit einem Plus von 13 Prozent auf insgesamt acht Milliarden Euro. Tatsächlich stieg der Umsatz auf über zehn Milliarden Euro. Weltweit soll es - einer IDC-Studie zufolge - einen Rekordumsatz von 217 Milliarden Euro geben.
Hohe Innovationskraft ist aber auch in den Bereichen Automation, Energie und Elektrotechnik zu finden. Die wichtigsten Forschungs- und Entwicklungsthemen heißen hier: intelligente Stromnetze, die so genannten Smart Grids, Embedded Systems und Energieeffizienz: Vor allem letzteres ist ein gigantischer Markt: Weltweit liegt grüne Technologie im Trend - von der Nutzung Erneuerbarer Energien wie der Solarthermie bis hin zu Ladestationen, Leitungen und Verteilern, an deren Ende intelligent vernetzte, dezentrale Anlagen den Strombedarf optimal steuern. Ziel ist es, Strom- und Wärmeüberschüsse genau dann zu verwenden, wenn sie anfallen.
Die Energieeffizienz sorgt auch bei Herstellern weißer Ware für einen Auftrieb. Seit Juli 2010 darf kein Hersteller mehr in der EU Haushaltskühlgeräte anbieten, die nicht die Energieeffizienz der Klasse A aufweisen. Und ab 2014 gilt dann die Klasse A+, also ein noch niedrigerer Stromverbrauch. Die Verbraucher goutieren dies und bescherten den Haushaltsgeräteherstellern 2010 einen Umsatz von schätzungsweise 7,3 Milliarden Euro wie schon 2009. Die Branche profitiert davon, dass die zur Wende angeschafften Geräte jetzt ersetzt werden.
Kein Wunder also, dass gerade Hochschulabsolventen maximal zehn Bewerbungen schreiben müssen, um einen Job zu ergattern, wie die VDE-Studie "Young Professionals der Elektro- und Informationstechnik" im März 2010 feststellte. Jeder zweite hatte gleich zwei Jobangebote in der Tasche und konnte sich auf ein mittleres Einstiegsgehalt von 42.000 Euro freuen.