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Die Krise als Schnellkochtopf

Der Druck der Krise erhöht in der IT die Innovationsgeschwindigkeit. Dabei wird die IT allmählich zum Legobaukasten: Kunden bezahlen nur noch für das, was sie wirklich nutzen. Maßgeschneiderte Lösungen versprechen Milliardenumsätze und steigern die Nachfrage nach den ohnehin raren IT-Spezialisten.

Chancen
Im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen steht die Gesamtbranche Informationstechnik, Telekommunikation und digitale Unterhaltungselektronik ziemlich gut da. Kurz vor der Cebit befragte der Branchenverband Bitkom seine Mitglieder und prognostizierte, dass die Branche das Umsatzvolumen des Vorjahres von  rund 145 Milliarden Euro voraussichtlich halten wird. 55 Prozent der Unternehmen merkten bis dahin noch nichts von der Krise. Doch eine klare Auswirkung hat die Krise doch: Innovationen und neue Geschäftsmodelle, stellt das Marktforschungsinstitut IDC fest, setzten sich unter Druck viel schneller durch im Markt. Die Krise wirke wie ein "Schnellkochtopf", urteilt Frank Gens, Senior Vice President und Chefanalyst bei IDC. Das heißt: Unternehmen geben auch jetzt noch Geld aus, wenn sie klare Nutzen sehen, vor allem, wenn es Kostenvorteile zu realisieren gibt.

Ein Feld der Innovation: Die Computerbranche baut auf Wolken. Auf Rechnerwolken. Cloud Computing heißt das neue Wachstumsfeld der IT-Technologie. Dabei werden Computernutzern übers Internet in einer gemeinsamen "Rechnerwolke" kombinierte Rechnerkapazitäten und Software-Applikationen weltweit verteilter IT-Anbieter zur Verfügung gestellt. So lassen sich datenintensive Forschungsprojekte - etwa in der Pharmaindustrie die Suche nach der einen richtigen unter Milliarden möglichen Wirkstoffkombinationen - noch dynamischer vorantreiben. Unternehmen sparen damit millionenschwere Investitionen in Server und Software und profitieren von geringeren Energie- und Personalkosten, da sie lokal keine eigenen Anwendungen mehr betreiben müssen. Bis 2015, sagt die US-IT-Beratung Gartner, wird kaum ein Unternehmen mehr in eigene Soft- und Hardware investieren, es sei denn, der Kos­tenvorteil ist überzeugend. Cloud Computing gehört die Zukunft.

Insgesamt findet hier ein riesiger Wandel statt: Statt standardisierte Hard- und Software zu verkaufen, bietet die Branche ihren Kunden mehr und mehr Hardware und Softwaredienste als externe Betreiber an und rechnet nach Nutzungsdauer ab. Serviceorientierte Architekturen, "Software as a Service" und Internetplattformen sind milliardenschwere Märkte, die auch auf lange Sicht stabile Wachstumsraten versprechen. Auch für den Verbrauchermarkt gilt es, sich ständig neuen Applikationen zuzuwenden: Nach dem "Mitmachnetz" Web 2.0 zum Beispiel kommt jetzt das MashUp-Netz: Aus Schnipseln anderer basteln User neue Sachen zusammen, ähnlich einem Remix alter Songs. Neue Software fürs Mixen von Texten und Bildern, neue Sites zur Präsentation stehen vor der Tür.

Im Hardwaregeschäft geht der Trend ganz klar zum Zweitrechner - dem Mini für unterwegs. Der bringt derzeit hoch willkommenes Zusatzgeschäft. Achim Schnabel vom Beratungshaus Accenture sieht in dem Aufkommen der Minis eine der größten Veränderungen im IT-Markt der vergangenen zehn Jahre.
Ein Trend ist auch die sogenannte "Green IT", bei der es letztlich darum geht, durch neue Technologien den Stromverbrauch in der IT zu verringern. Die Nachfrage ist ganz klar da, weil die Chance zur Kostensenkung besteht. Vor allem große Konzerne sowie die Betreiber von Rechenzentren sind hier aufgesprungen.

Unternehmen, die sich also in einem dieser Wachstumsfelder tummeln, sind sicher auch in der Krise gewappneter als andere. Gut aufgestellt zu sein, das heißt für die Branche in nächster Zeit aber auch: Selbst bei rückläufigem Geschäft gute Leute nicht zu verlieren, denn Top-Personal ist der Garant für Innovationen. Noch immer fehlen 40.000 IT-Spezialisten aus technischen Studiengängen. Für Arbeitgeber bleibt das auf Sicht ein Problem, für Jobsuchende ist es besser als jede Versicherungspolice.

Auch in der Telekommunikationsbranche sind die Rahmenbedingungen nicht schlecht dank eines Konjunkturprogramms besonderer Art: Die Bundesregierung will schnelle Internet-Leitungen bauen, um der Wirtschaft zu helfen.  Denn im weltweiten Vergleich ist Deutschland im Hintertreffen beim Ausbau mit schnellen Breitbandnetzen, der weltweit als Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg gilt. In Deutschland schließt die Telekommunikationsindustrie jährlich erst ein Prozent der Haushalte an Glasfasernetze an - und das auch nur in Ballungsräumen. In den USA sind es zehn Prozent. Das soll sich  ändern und in den nächsten sieben Jahren rechnet das Beratungsunternehmen Micus dadurch europaweit mit bis zu zwei Millionen neuen Jobs. Allein die Telekom plant 2009  schon etwa 3.000 neue Stellen, allerdings auch in anderen Bereichen.

Risiken
Die Tatsache, dass Ende 2008 zum letzten Mal die Messe "Systems" stattfand und die Cebit eine Menge Aussteller eingebüßt hat, zeigt, dass die Bäume derzeit nicht in den Himmel wachsen. Es ist klar, dass sich wegen der langen Investitionszyklen die krisenbedingte Sparsamkeit erst zeitversetzt auswirken wird. Die IT-Kunden setzen derzeit alle Hebel an, die zu kurzfristigen Einsparungen führen: Lieferverträge werden nachverhandelt, Investitionsprojekte aufgeschoben, verstärkt wird über Auslagerung der IT nachgedacht. Nach einer Umfrage des Fachmagazins IT InformationWeek planen 50 Prozent der deutschen Unternehmen, 2009 ihre Ausgaben für EDV zu senken.

Zudem sparen auch die Verbraucher an mobilen Endgeräten wie Handys, PDAs oder Laptops, was die Hardware-Hersteller mit Preissenkungen auf Kosten der Margen wettmachen, um sich Marktanteile zu sichern. Kurzfristig trifft diese Entwicklung vor allem die Hardware-Ausrüster wie Dell, HP oder Fujitsu Siemens. Aber auch der Softwaregigant SAP hat es schmerzlich erlebt: International aufgestellt zu sein, kann heißen, schneller als andere in die Krise zu schliddern. Innerhalb von nur zwei Wochen musste das Softwarehaus im Herbst 2008 wegen der massenhaften Stornierung von Aufträgen seine Prognosen revidieren. Seitdem gab es einen Einstellungsstopp, verlängerte Werksferien und Unternehmenschef Henning Kargermann ist stolzer Besitzer einer Bahncard 2. Klasse.   (jul) Foto: pepsprog/Pixelio

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